Operetten-Lexikon

Ralph Benatzky (1884-1957)

geboren am 5. Juni 1884 in Mährisch-Budwitz (Tschechien)
gestorben am 16. Oktober 1957 in Zürich (Schweiz)
begraben in St. Wolfgang am Wolfgangsee (Österreich)

Gedenktafel (St. Wolfgang am Wolfgangsee)

Rudolf Franz Josef Benatzky wird am 5. Juni 1884 in Mährisch-Budwitz  in Tschechien. Der junge Ralph Benatzky entscheidet sich, trotz auffallender musikalischer Begabung, früh für eine Offizierslaufbahn in der k.u.k. Armee. Nachdem er wegen eines Duells im Jahr 1909 aus der österreichischen Armee entlassen wird, geht er nach Wien und studiert Germanistik, Philosophie und Musik. Er promoviert zum Doktor der Philosophie und beginnt, freche und frivole Lieder fürs Kabarett zu schreiben. In erster Ehe ist er mit der Chansonsängerin Fedi Ferard (eigentlich: Eugenie Decloux) verheiratet.

Als Komponist und Klavierbegleiter der gefeierten Chansonsängerin Josma Selim (eigentlich: Hedwig Fischer), seiner späteren zweiten Gattin, erlangt er schnell Erfolg in ganz Europa. 1924 zieht er mit Josma Selim von Wien nach Berlin, der zweiten wichtigen Operettenmetropole dieser Zeit. In der deutschen Hauptstadt wird Ralph Benatzky schnell zu einem der Grossen des damals in voller Blüte stehenden Operettenbetriebes. Mit dem Regisseur Erik Charell kreiert er Revueoperetten fürs Grosse Schauspielhaus, darunter "Casanova" (1928), "Die drei Musketiere" (1929) und "Im weißen Rössl" (1930). In der bis heute gültigen Neufassung, 1954 von Erik Charell in Auftrag gegeben, wird "Im weißen Rössl" als walzerselige Operette zu einem der meistgespielten Bühnenwerke.

Daneben arbeitet Ralph Benatzky aber auch auf dem vollkommen gegensätzlichen Gebiet der Kammeroperette. Benatzky entwickelt als Alternative zu den pathetischen Opern des späten Franz Lehar (z.B. "Das Land des Lächelns", 1929) das deutsche musikalische Konversationslustspiel. Dabei entstehen so charmant-witzige und teils provozierende Werke wie "Adieu Mimi" (1926), "Meine Schwester und ich" (1930), "Bezauberndes Fräulein" (1933) und "Das kleine Cafe" (1934).

Für Zarah Leander komponiert er in "Axel an der Himmelstür" (1936) den ersten Schlager, der sie ausserhalb ihrer skandinavischen Heimat bekannt macht. Als die Ufa die Leander nach der Premiere sofort engagiert, besteht sie auf Ralph Benatzky als Komponisten für ihren ersten Musikfilm "Zu neuen Ufern". Benatzky schreibt daraufhin für die Diva die Evergreens "Yes, Sir!" und "Ich steh im Regen". Der grosse Erfolg dieses Zarah Leander-Films mit seiner Benatzky-Musik kann als künstlerisch-kommerzieller Höhepunkt von Ralph Benatzkys Komponistenkarriere gesehen werden. Angebote aus dem In- und Ausland flattern ins Haus, darunter sogar ein Hollywood-Vertrag mit der Filmfirma MGM.

1938  marschiert Hitler mit seinen Truppen in Österreich ein und Benatzkys Produktivität, die bereits 1933 empfindlich gestört worden war, ist zu Ende. Er muss wegen seiner jüdischen dritten Ehefrau Melanie Hoffmann, einer Ex-Tänzerin der Berliner Staatsoper, die Stätten vergangener Erfolge verlassen und geht nach Amerika ins Exil. Dort erlebt er ein ähnliches Schicksal, wie viele seiner europäischen Kollegen. Sein MGM-Vertrag platzt und sein für den amerikanischen Musikgeschmack zu sehr mit der alten Welt verbundenes Werk findet kein Interesse. Als der Krieg vorbei ist, kehrt Ralph Benatzky als gebrochener Mann nach Europa zurück. Hier stirbt er am 16. Oktober 1957 in Zürich in der Schweiz. Begraben ist er, auf eigenen Wunsch, in St. Wolfgang am Wolfgangsee in Österreich.
 
Ralph Benatzky hat mehr als 2000 Chansons, über 50 Bühnenwerke, zahlreiche Filmmusiken und Einzelschlager komponiert und dazu noch unterhaltsame Romane, Feuilletons, Gedichte und 24 Tagebuchbände geschrieben.

Werke

Ein Komet kommt (Operette in 1 Akt, München 1910)
Der Nachtwächter (Komische Oper in 1 Akt, Berlin 1910)
Der Record (Operette in 2 Bildern, 1910)
Die Walzerkomtesse (Operette in 1 Akt, Wien 1910)
Der Walzer von heute Nacht (Operette in 1 Akt, Wiesbaden 1910)
Laridon (Operette in 1 Akt, Hamburg 1911)
Cherchez la femme (Operette in 3 Akten, München 1911)
Pomponette (Operette in 1 Akt, Nürnberg 1911)
Kokettchens Mission (Operette in 1 Akt, Nürnberg 1911)
Das blonde Abenteuer (Operette in 1 Akt, Nürnberg 1911)
Der lachende Dreibund (Operette in 3 Akten, Berlin 1913)
Prinzchens Frühlingserwachen (Operette in 1 Akt, Wien 1914)
Anno 1914 (Singspiel in 3 Akten, Wien 1914)
Das Scheckbuch des Teufels (Operette in 3 Akten, Berlin 1914)
General Wutsikoff (Operette in 1 Akt, Wien 1914)
Fräulein Don Juan (Operette in 1 Akt, Wien 1915)
Du goldige Frau (Operette in 1 Akt, Wien 1916)
Liebe im Schnee (Operette in 2 Akten mit Nachspiel, Wien 1916)
Die tanzende Maske oder Das Mädchen aus der Fremde (Singspiel in 3 Akten, Wien 1918)
Die Verliebten (Singspiel 3 Akten, Wien 1919)
Graf Cheveraux (Operette in 1 Akt, Wien 1920)
Yuschi tanzt (Operette 3 Akte, Wien 1920)
Bluffodont (Operette in 1 Akt, Wien 1920)
Apachen! (Operette 3 Akte, Wien 1920)
Pipsi (Posse mit Musik in 3 Akten, Wien 1921)
Ein Märchen aus Florenz (Operette in 2 Akten, Wien 1923)
An alle (Revue, musikal. Mitarbeit Fritz Löhner-Beda und Willy Prager, Berlin 1924)
Für Dich! (Revue, Berlin 1925)
Adieu Mimi (Operette 3 Akte, Wien 1926)
Wien lacht wieder! (Ausstattungsrevue, Wien 1926)
Die Nacht von San Sebastian (Operette in 3 Akten, Leipzig 1926)
Alles aus Liebe (Revue, musikal. Mitarbeit Ernst Marischka und Karl Farkas, Wien 1927)
Casanova (Revue-Operette, unter Verwendung der Musik von Johann Strauss, Berlin 1928)
Die drei Musketiere (Revueoperette, Berlin 1929)
Mit dir allein auf einer einsamen Insel (Operette in 3 Akten, Leipzig 1929)
Meine Schwester und ich (Musikalisches Spiel in 2 Akten und 4 Bildern mit Vor- und Nachspiel, Berlin 1930)
Im weißen Rössl (Singsp. in 3 Akten, Musikal. Einl. von R. Gilbert, B. Granichstaedten, R. Stolz, Berlin 1930)
Cocktail (Musikalisches Lustspiel in 3 Akten, Berlin 1930)
Zur gold'nen Liebe (Musikalisches Lustspiel in 3 Akten, Berlin 1931)
Morgen geht's uns gut (Posse in 6 Bildern, Berlin 1931)
Circus Aimee (Operette in 3 Akten, Basel 1932)
Bezauberndes Fräulein (Musikalisches Lustspiel in 4 Bildern, Wien 1933)
Deux sous de fleurs (Operette in 3 Akten, Paris 1933)
Das kleine Cafe (Musikalisches Lustspiel in 3 Akten, Wien 1934)
Büxl (Volksstück mit Musik in 3 Akten, Wien 1935)
Der König mit dem Regenschirm (Musikalisches Lustspiel in 3 Akten, Wien 1935)
The flying Trapez (Revue, mus. Mitarb. H. Müller, M. Wayne, D. Carter, F. Eyton u. D. Furber, London 1935)
Der reichste Mann der Welt (Stück mit Musik in 5 Bildern, Wien 1936)
Axel an der Himmelstür (Musikalisches Lustspiel in 3 Akten, Wien 1936)
Herzen im Schnee (Revueoperette in 15 Bildern, Zürich 1936)
Egy lany, aki mindenkie oder Wer gewinnt Colette? (Musikalisches Lustspiel in 3 Akten, Budapest 1936)
Pariserinnen (Musikalisches Lustspiel in 3 Akten, Wien 1937)
Majestät privat (Lustspieloperette in 4 Akten, Wien 1937)
Landrinette oder Der Silberhof (Singspiel in 4 Bildern, Bern 1939)
Angielina (Musikalkische Komödie, Basel 1940)
Kleinstadtzauber (Musikalisches Lustspiel, Zürich 1947)
Liebesschule oder Don Juans Wiederkehr (Lustspiel mit Musik, Göttingen 1950)

Literatur

Hennenberg, Fritz: Es muß was Wunderbares sein ... - Ralph Benatzky - Zwischen "Weißem Rößl" und Hollywood, Wien 1998.
Benatzky, Ralph / Jens Inge (Hrsg.): Triumph und Tristesse - Aus den Tagebüchern von 1919 bis 1946, Berlin 2002.
Hennenberg, Fritz: Ralph Benatzky - Operette auf dem Weg zum Musical - Lebensbericht und Werkverzeichnis, Wien 2009.

TV-Dokumentationen

Im weißen Rössl - Die wahre Geschichte, 2008, 25 Min.
Himmelblau - Hinter den Kulissen des "Weißen Rössl", 2007, 15 Min.

Internet

ralph-benatzky.com